/// Rubrik: Stadtleben

Falscher Platz für einen Pilz

Kreuzlingen – Seit Oktober steht im Inneren der Kappelle Bernrain ein Gerüst. Bis Dezember finden Reinigungs- und Konservierungsarbeiten statt, damit sich der bereits beseitigte Pilz nicht so einfach wieder einnisten kann. Dafür steht ein Rahmenkredit von 40’000 Franken zur Verfügung.

Kirchenpfleger Simon Tobler (links) und Restaurator Rolf Zurfluh während eines Rundgangs durch die Wallfahrtskapelle Heiligkreuz. (Bild: Sandro Zoller)

Die Gebäude der katholischen Kirchgemeinde Kreuzlingen-Emmishofen werden einmal im Jahr von einem Fachexperten bezüglich Schmutzgrad, Malereien und möglichen Schäden begutachtet. Während des Rundgangs im 2019 ist ein Pilzbefall zum Vorschein gekommen. Es handelte sich dabei um den Fadenpilz Aspergillus Glaucus. «Er ist für den Menschen in dieser Form eigentlich unbedenklich. Man findet ihn zum Beispiel in Joghurts vor», erklärt Restaurator Rolf Zurfluh. Er sei zudem in jeder zweiten Kirche anzutreffen. Bereits vor 15 Jahren suchte ein Pilz die Kapelle heim.

Schlimmeres verhindern
Je nach dem Verschmutzungsgrad und Befall des Gebäudes, werde der Pilz früher oder später zu sesshaft, um noch entfernt werden zu können. «Solch eine Situation besteht bereits im Kloster Einsiedeln», sagt Zurfluh. Deshalb entfernten die Restauratoren im Sommer 2019 den Fadenpilz an Wänden, im Chor, dem Schiff, in der Kapelle und am Orgelgehäuse mit speziellen Mitteln. Die Denkmalpflege ist stets in solche Projekte involviert.

Um das Schicksal nicht unnötig herauszufordern, beantragte der Vorstand bei der Kirchgemeindeversammlung eine komplette Reinigung der inneren Wände. Der angenommene Rahmenkredit beträgt 40’000 Franken, inklusive Gerüst. «Am Ende der Arbeiten erhalten wir von der kantonalen Denkmalpflege und der Stadt Kreuzlingen je 20 Prozent der Reinigungskosten zurückerstattet», sagt Kirchenpfleger Simon Tobler.

Noch bis in den Dezember hinein befreit Zurfluh und sein Team Wände, Fenster, Lampen, Gemälde und den Altar von Schmutz, um dem Aspergillus Glaucus den Nährboden unter den Füs-sen wegzuziehen. Im ersten Arbeitsschritt wurden die Wände mit einem feinen Pinsel von groben Verschmutzungen befreit. Danach kamen Schwämme aus Latex-Granulat zum Einsatz. Mit kreisförmigen Bewegungen ging es den tiefer und fester sitzenden Schmutzpartikeln an den Kragen. Um den Unterschied von vor und nach Reinigungsarbeiten deutlich aufzeigen zu können, wird jeweils eine kleine rechteckige Fläche nicht gesäubert.

Der Pilz liebt Feuchtigkeit und Russ
Doch woher kommt der Fadenpilz? «Das Bindemittel Kasein in Farben ist in Kombination mit Feuchtigkeit und Verschmutzungen ein hervorragender Nahrungsspender», erklärt Zurfluh während eines Rundgangs durch die Kapelle Bernrain. Da sie ein Wallfahrtsort ist, würden überdurchschnittlich viele Kerzen angezündet werden, was zu erhöhter Russbildung führe. «Um diese zu reduzieren, haben wir, wie sie in Italien oft anzutreffen sind, elektrische Kerzen in Betracht gezogen», sagt Tobler. Umfragen hätten aber ergeben, dass die Idee wenig Anklang findet. «Natürliche Lichtquellen strahlen eben mehr Atmosphäre aus.» Deshalb sind jetzt russarme Kerzen im Einsatz.

Die im Jahr 1388 erbaute Heiligkreuz-Kapelle weist im unteren Sockelbereich des Innenraums eine Leimfarbe auf. «Wird man darauf aufmerksam gemacht, sieht man den farblichen Unterschied deutlich», sagt Tobler und zeigt auf die beiden verschiedenen Weisstöne. Da die Sitzbänke, für ein Gotteshaus, ungewöhnlich nahe an der Wand stehen, haben die Jacken der Gläubigen zur Verdunkelung beigetragen. Da es aber keine direkten Auswirkungen auf die Mauer habe, werde aus Kostengründen vorläufig nichts daran verändert.

Solange die Reinigungsarbeiten andauern, sind Hochzeiten und Abdankungen mit einem Gottesdienst nicht durchführbar. Lediglich Beerdigungen auf dem Friedhof sind weiterhin möglich.

Share Button

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.