/// Rubrik: Kultur

Mit dem Klavier in andere Sphären

Kreuzlingen – Mit drei Jahren drückte Aron Alakmeh das erste Mal eine Klaviertaste nach unten. Seit dem achten Lebensjahr steht er alleine oder mit seinem Bruder auf der Bühne – auch international. Vor kurzem sicherte er sich den dritten Platz am internationalen «Jeune Chopin» Wettbewerb. Aber die aktuellen Umstände hielten ihn von einem Klavierstudium ab.

Aron Alakmeh entschied sich trotz seiner Leidenschaft zum Klavierspiel für ein Studium in Humanmedizin. (Bild: zvg)

«Jedes Stück bietet eine neue Welt, in die ich hineintauche wie eine besondere Stimmung, gewisse Gefühle und Entwicklungen, die Form und der Klang. Das macht ein Stück für mich aus», sagt Aron Alakmeh über die Klaviermusik. Mit seinen Interpretationen versuche er den Zuhörern eine Geschichte zu erzählen.

Mit drei Jahren schnupperte der Musiker aus Kreuzlingen das erste Mal Klavierluft, als er zu Hause auf dem E-Piano herumklimperte. Mit fünf schrieb er sich in der Musikschule Kreuzlingen ein und begann bei Hartmut Wendland Unterricht zu nehmen. «Ehrlich gesagt weiss ich nicht mehr, warum ich unbedingt musizieren wollte. Aber schon immer sah ich einen besonderen Reiz darin, zu einem Radiosong auf dem Tisch herumzutrommeln oder eben die Tasten auf dem Piano hinunterzudrücken». Dass er sich aber gerade für das Klavier entschied, sei wohl ein Zufall. Später nahm er auch Drumsticks in die Hände und entlockte einem Schlagzeug Töne. Zudem besuchte Alakmeh, Jahrgang 2002, kurzzeitig Gesangsstunden. Nichts davon konnte «sein Instrument» ablösen. «Unterdessen kann ich mich nicht mehr an Zeiten erinnern, in denen ich kein Klavier gespielt habe».

Chopin hat einen hohen Stellenwert
«Chopin ist bis heute mein absoluter Lieblingskomponist. Seine Musik sprach mich bereits im Kindesalter an», schildert Alakmeh. Deshalb habe er sich zum Ziel gemacht, so viele Werke wie möglich von ihm spielen zu können. Chopins Musik sei emotional und erzähle Geschichten. Besonders seine zarten und melancholischen Werke würden ihn berühren. Einer der Gründe für seine Vorliebe für den polnischen Komponisten sei das selbe Heimatland. «Meine Mutter stammt aus Polen, wo Chopins Musik allgegenwärtig ist. Man könnte also fast sagen, dass mir diese Art von Musik in die Wiege gelegt wurde», sagt der Pianist schmunzelnd.

Dennoch interpretiert er nicht aussschliesslich klassische Stücke. Von 2015 bis vergangenen Sommer nahm Alakmeh Jazz-Klavierlektionen und spielt gelegentlich auch Popstücke: «Für mich ist die Abwechslung von Klassik und Jazz eine sehr schöne und wichtige künstlerischer Erfrischung.» «Wake me up» und «Pirates of the Caribbean» präsentierte er auch schon, zusammen mit seinem Bruder Tarek Alakmeh an zwei Flügeln, einem Publikum.

Unabhängig von der Stilrichtung versuche er seine Zuhörer mitzureissen und emotional zu bewegen, indem er etwa verträumte Stellen wirklich zart und andere schnell und laut spiele.

Gegen internationale Konkurrenz behauptet
Als Solist trat Alakmeh im Rahmen internationaler Wettbewerbe bereits in Paris, Budapest, Narva, Mailand und Logroño auf. Beim Preisträgerkonzert des Schweizerischen Jugendmusikwettbewerbs 2019 konzertierte er im Kunst- und Kulturzentrum Lugano Arte e Cultura. Vor kurzem fand für junge Pianisten in Martigny der «Jeune Chopin» Wettkampf statt. Dass der 18 jährige Pianist diese Gelegenheit beim Schopf packte, ist selbsterklärend: «Da in der Jury Martha Argerich, ein grosser Star der klassichen Musik und eines meiner grossen Idole sass, machten für mich das Event noch besonderer.» In der Vorauswahl mussten die Teilnehmer ein Video mit bestimmten Werken von Chopin aufnehmen. In seiner Alterskategorie wurden schliesslich weltweit nur zwölf Musiker zum Vorspiel in die Westschweiz eingeladen. In der Schweiz selbst wurde nur ihm diese Ehre zuteil. Der dreitägige Wettbewerb fand wegen Corona ohne Zuschauer statt. Die Atmosphäre sei dennoch sehr angenehm gewesen. Sein 35-minütiges Programm umfasste fünf Werke und überzeugte die Jury. Den 1. Platz musste er dennoch Eva Gevorgyan, Russland, und den zweiten Platz Théotime Gillot, Frankreich, überlassen. «Das Wichtigste an solchen Wettbewerben ist der Kontakt mit anderen Pianisten und der Jury, dessen Kritik und Verbesserungsvorschläge einem weiterbringen. Der Preis war aber logischerweise die Krönung des Ganzen», sagt Alakmeh.

Am Scheideweg: das Medizinstudium triumphierte
2008 begannen er und sein Bruder als «Duo Alakmeh» kleine Konzerte in der Schweiz zu geben, wie etwa in Bern, Basel und auch im Thurgau. In Erinnerung bleibe auch die Teilnahme in der deutschen Fernsehsendung «Supertalent», in der sie vor über 1000 Personen im Kurhaus Wiesbad ihr Können zeigen durften. Das gemeinsame Klavierspiel sei bis heute etwas ganz Besonderes: «Musikalisch, und besonders im Bezug zur Klassik, sind wir auf einer Wellenlänge.» Vor zwei Jahren entschied sich sein Bruder aber gegen die Musik und für ein Informatikstudium. Ganz so dramatisch sei es aber nicht. Es bleibe weiterhin Zeit für gemeinsame Musiksessionen oder sogar Auftritte.

Nun stand Alakmeh selbst am Scheideweg. Er rang zwischen einem Musik- und Medizinstudium. Zuerst sprach alles für das Klavier. Er bestand die Aufnahmeprüfungen der Manhattan School of Music, der Musikhochschule Krakau und der Zürcher Hochschule der Künste. «In New York und Krakau hätte ich bei renommierten Professoren studieren dürfen. Doch dann kam Corona. Die Lage im Ausland war unklar und in Zürich wollte mich kein Professor als Student aufnehmen», sagt der junge Pianist. Er opfere hauptsächlich etliche Stunden seiner Freizeit zum Üben, weil er das Konzertieren liebe und das Kennenlernen anderer Pianisten schätze. Im Humanmedizienstudium habe er die beste Option gesehen. Schliesslich sei die Medizin seine andere Passion.

Zu einem späteren Zeitpunkt die Karten neu mischen? «Da mein Herz nach wie vor für die Musik schlägt, ist der letzte Akkord noch nicht verklungen. Vielleicht setze ich doch noch alles auf eine Karte – das Klavier. Wer weiss …»

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