/// Rubrik: Stadtleben

Eine Perspektive geben

Kreuzlingen – Ein Jahr das in die Geschichte eingehen wird. Stadtpräsident Thomas Niederberger blickt auf ein ereignisreiches 2020 zurück, das die Region an der Grenze besonders hart getroffen hat.

Stadtpräsident Thomas Niederberger mit der Schutz-Maske, dem Symbol des Jahres 2020. (Bild: Kurt Peter)

«Als wir anfang Jahr etwas von Corona gehört hatten, war es weit weg und es war nicht vorstellbar, dass das Virus zu uns kommt», blickt der Stadtpräsident zurück. Aber auf einmal sei auch die Schweiz betroffen gewesen, Massnahmen seien vom Bund kommuniziert worden, «das ist schon eingefahren». Niederberger bezeichnet die Situation rückblickend als «surreal». Besonders erschreckend sei es gewesen, als der Bundesrat die Teilmobilmachung ausgerufen habe. «Wir haben das im Militärdienst geübt, aber gehofft, dass wir es nie erleben würden».

Beziehungen litten
Am Anfang der Pandemie habe es viele Absprachen gegeben, mit den Abteilungen, mit den Schulgemeinden, es seien Entschdeidungen getroffen und eine Taskforce gegründet worden. Parallel dazu sei die Grenzschliessung erfolgt. «Das hatte für uns einen massiven Einfluss auf die grenzüberschreitende Arbeit und die Errichtung des Zauns an der Kunstgrenze war eine besonders einschneidende Massnahme für die Bevölkerung auf beiden Seiten der Grenze». Es habe Leid und Probleme gegeben.

Viele Besuche seien nicht mehr möglich gewesen, Eltern durften die Kinder nicht mehr sehen, Kinder die Eltern nicht mehr, Beziehungen hätten gelitten. Was ihm in Erinnerung bleibe sei der Fall einer jungen, schwangeren Frau, die zusammen mit ihrem Partner die Vorbereitungen auf die Geburt in Münsterlingen getroffen habe. «Als es soweit war, durfte der Mann nicht mehr in die Schweiz einreisen».

Symbol für alle Grenzschliessungen
Der Zaun an der Kunstgrenze habe nicht nur die regionale Bevölkerung getroffen, er habe weltweites Echo gefunden, sagte Niederberger. «Dieser Abschnitt wurde zum Symbol aller Grenzschliessungen in Europa», meint er. Entsprechend erleichtert sei er gewesen, als die Massnahme endlich ein Ende gefunden habe. Der Abbau des Zauns sei dann auch mit grossem medialen Interesse verbunden gewesen.

«Die Verwaltung wollte und konnte die Dienstleistungen auch während des Lockdowns aufrecht erhalten, wenn auch mit anderen Mitteln». Viel sei telefonisch oder digital erledigt worden, einen persönlichen Besuch in der Verwaltung habe es nur mit Voranmeldung gegeben. «Innerhalb der Abteilungen gab es grosse Unterstützung, teils sogar mit Personalrochaden». Und natürlich sei Homeoffice zum Einsatz gekommen sowie Telefon- und Videokonferenzen. «Es hat sich gezeigt, dass wir in der Verwaltung diese Situation gut im Griff hatten».

Schwierige, unsichere Zeit
Intern seien einzelne Projekte wie die Erarbeitung der Richtlinien für stadträtliche Kommissionen vorgezogen worden. Die Arbeit des Gemeinderates habe während dieser Zeit nicht gross gelitten: «Die Sitzungen im März und September wurden mangels Traktanden abgesagt, einzig die Mai-Sitzung ist coronabedingt ausgefallen». Während des Lockdowns habe es grosse Probleme für Handel und Gewerbe gegeben, für die Betriebe sei dies ein grosser Einschnitt gewesen.

Den Kreuzlinger Gastronomiebetrieben, die einen Pachtvertrag oder ein Baurecht mit der Stadt abgeschlossen hätten, habe der Stadtrat eine Hilfe betreffend Zahlung der Zinsen angeboten. «Die Zahlungen wurden bis Ende 2022 zinslos gestundet, danach werden wir mit den betroffenen Gastronomen eine Lösung finden». Es sei sicher für alle Betriebe eine schwierige und unsichere Zeit gewesen, gerade im Bereich der Kurzarbeit. «Es gab aber, gerade während der Zeit der Grenzschliessung, auch Betrieb, die profitierten».

«Corona-Postfach» ist voll
In der ganzen Situation habe es Menschen gegeben und gebe es noch, welche die Schutzmassnahmen für übertrieben hielten, andere hätten Befürchtungen und Angst. «Ich erhielt jedenfalls von beiden Seiten Reaktionen, mein speziell auf dem Mailkonto eingerichteter Corona-Ordner zählt mehr als 1400 Einträge». Aber es gebe eine grosse Einsicht, dass Veranstaltungen wie das Kreuzlinger Fest, der Spiel- oder der Garrtentag nicht durchgeführt werden konnten, ist sich Niederberger sicher. Trotzdem gelte es, nicht alles abzusagen sondern auch nach Alternativen zu suchen. So bespreche das OK Kreuzlinger Fest auch einen Plan B. «Denn es ist unsicher, was wir im ersten Halbjahr 2021 durchführen können».

Die Bevölkerung habe in diesen Zeiten den Weg ins Freie, in den Wald oder an den See gesucht. Dies sei im Seeburgpark deutlich geworden: «Der Park wurde so intensiv wie noch nie genutzt, leider auch mit negativen Folgen wie Abfall». Die Situation bleibe herausfordernd, ebenso das Bedürfnis nach sozialen Kontakten, die mit Schutzkonzepten unter einen Hut gebracht werden müssten. «Die Vorgaben einhalten, aber den Menschen auch eine Perspektive geben», so beschreibt es der Stadtpräsident.

Niemand suche und wünsche sich so eine Situation. Nach wie vor gelte es, eine grosse Disziplin an den Tag zu legen, um eine mögliche dritte Welle zu verhindern. «Diese Gefahr besteht leider, bis ein Impfstoff da ist». Finanztechnisch sei die Situation schwierig für die Stadt. Wie sich die Pandemie auf die Steuereinnahmen auswirken werde, wisse niemand, ebenso wenig, wie die Pandemie die Sozialausgaben in den kommenden Jahren beeinflussten. «Das sind zwei wichtige Posten im städtischen Budget. Doch klar ist bereits, dass das Jahr 2020 mit einem höheren Defizit als die budgetierten 500’000 Franken abschliessen wird».

Kurt Peter

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