/// Rubrik: Stadtleben

Integration dank Arbeit

Kreuzlingen – Die Arbeitsgruppe für Asylsuchende Thurgau (Agathu) vermittelt zwischen Geflüchteten und Unternehmen. Und das oft erfolgreich.

Architekt Hanspeter Müller ist zufrieden mit seinem Lehrling Tenzin Nemdodewatsang. (Bild: Inka Grabowsky)

In der Änderungsschneiderei von Gisela und Josef Tekin an der Löwenstrasse arbeitet seit kurzem Masumeh Alizadeh, die von fünf Jahren mit Mann und Kind aus Afghanistan in die Schweiz gekommen war. «Ich habe anfangs Deutschkurse gemacht und dann bei Agathu gefragt, ob mir jemand bei der Jobsuche helfen kann». Felicitas Fiala-Jaussi, die sich ehrenamtlich im Agathu-Projekt «Integration dank Arbeit» engagiert, wandte sich an Josef Tekin, der vor 35 Jahren eingewandert war und seit 20 Jahren selbständig ist.

«Als wir 1983 herkamen, hat uns Karl Kohli geholfen, der jetzt Agathu-Präsident ist», erzählt der Assyrer. «Und nun wollen wir ihm helfen, anderen zu helfen». Masumeh bekam zunächst ein halbjähriges Praktikum, das in eine 50-Prozent Anstellung mündete. «Wir haben gemerkt, dass sie ein gutes Augenmass hat. Das braucht man in der Änderungsschneiderei, weil wir bei der Anprobe entscheiden, wo wir etwas anpassen müssen».

Ausbildung in hochqualifizierten Berufen
Tenzin Nemdodewatsang aus Tibet macht seit dem Sommer eine Lehre als Zeichner in der Klein+Müller Architekten AG. «Normalerweise bekommen wir 30 Bewerbungen für jede unserer drei Lehrstellen», sagt Architekt Hanspeter Müller. «Tenzin war uns durch seine Geschichte aufgefallen». Anders als andere Bewerber konnte er keine guten Zeugnisse aufweisen – Englisch lernte er auf der Flucht in Indien; Deutsch, Physik und Mathematik hat er sich selbst beigebracht – aber seine Testwerte beim räumlichen Vorstellungsvermögen und im Bereich Mathematik konnten sich sehen lassen. «Parallel zu seiner Bewerbung hat mich Karl Kohli angesprochen. Nach einem Treffen haben wir eine einwöchige Schnupperlehre verabredet.

Wegen seiner Leistungen kam Tenzin in die engere Wahl». Nach wie vor besucht der Zwanzigjährige die Lernwerkstatt von Agathu, um sein Deutsch zu verbessern. Andere Lernende bekommen Nachhilfe in Mathe oder Physik. Der Alt-Seminardirektor Armin Kuratle kam beispielsweise zu einem Schüler, der ebenfalls Bauzeichner lernen wollte. «Der Lehrmeister wollte vorab meine Einschätzung, ob er die Geometrie schaffen würde. Jetzt steht der junge Mann im zweiten Lehrjahr».

Endlich ein engagierter Lehrling
Seine zweijährige Lehrzeit gerade abgeschlossen – und zwar als Zweitbester seines Jahrgangs – hat Ali Hassani. Er arbeitet jetzt als Geselle in seinem Ausbildungsbetrieb GST Gips-Stuck- Trockenbau. Der Geschäftsführer Udo Günther freut sich über den hochmotivierten Mitarbeiter, der immer schon Handwerker werden wollte. Zuvor hatten einheimische Lehrlinge das eine oder andere Mal die Lehre abgebrochen, weil ihnen die Arbeit auf dem Bau zu hart erschien. Katrin Rutishauser von «Integration dank Arbeit» vermittelte zwischen Ali und dem Betrieb. Der Afghane ist seit 2015 in der Schweiz. Drei Jahre besuchte er Integrations- und Deutschkurse. «Wir hatte nie Kommunikationsprobleme», sagt sein Ausbilder Tamer Arslan, der türkische Wurzeln hat. «Das wichtigste ist, dass jemand Lust hat zu arbeiten, dann brechen alle Hürden weg». Durch die Arbeit haben sich Alis Deutschkenntnisse stark verbessert. Sogar Schweizerdeutsch versteht er inzwischen.

Erfolg ist nicht selbstverständlich
«Es sind drei Glücksfälle», räumt Katrin Rutishauser ein. «Es klappt nicht immer. Es kommt vor, dass wir Türen öffnen, die von den Beteiligten wieder geschlossen werden, weil es nicht passt». Gelegentlich gebe es Hindernisse, die nur mit Geduld überwunden werden können. «Ein junger Mann wollte die Berufsausbildung zum Strassenbauer beginnen. Er scheiterte an der Deutschprüfung für die Berufsschule. Manchmal dauert es länger, bis die Integration dank Arbeit klappt».

Durch die Pandemie sind auch niedrigqualifizierte Jobs im Gastgewerbe weggefallen. «Kürzlich wurde eine Küchenhilfe gesucht», so Felicitas Fiala-Jaussi. «Für die Stelle sind über 100 Bewerbungen eingegangen». Ohne Frustrationstoleranz kann man die Aufgabe als Coach bei IdA nicht meistern.

Inka Grabowsky

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