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Mit Kreativität gegen den Pandemie-Blues

Kreuzlingen – Die Ausstellung Corona Call im Kunstraum zeigt Reaktionen von Schweizer Künstlern auf den Lockdown und ist bis 11. Juli zu sehen.

Gregor Vogel mit dem Material zu «The day isn›t over until it’s midnight». (Bild: Inka Grabowsky)

Der «Topspreader» ist hier ein Laubbläser montiert auf einem Drehstuhl. Die Maske ist für einmal ein Kussmund aus glasierter Keramik. Und das Foto einer Skulptur aus Brot, Bananenschale und Zigarettenstummeln ist Kunst gewordene Langeweile, weil das öffentliche Leben zum Erliegen gekommen ist.

Eine Geschichte erzählen
Der Künstler-Verband Visarte hatte im Frühjahr 2020 seine Mitglieder aufgerufen, eine künstlerische Antwort auf die Einschränkungen zu suchen, die der Kampf gegen die Infektionen mit sich brachte. 683 Werke wurden zum Wettbewerb eingesandt, 39 von ihnen setzte eine Jury auf eine Shortlist, sechs wurden mit geringen Geldbeträgen prämiert. Wichtiger als der finanzielle Aspekt dürften die sechs Ausstellungen sein, die nun aus den Werken auf der Shortlist entstehen. Richard Tisserand vom Kunstraum fand für die Kreuzlinger Version Unterstützung von Sibylle Omlin, mit der er gemeinsam 15 Exponate zusammenstellte. Die Kuratorin suchte gezielt nach Werken, die der Situation mit einer gewissen Leichtigkeit begegneten: «Eine Ausstellung sollte immer eine Geschichte erzählen. Mich faszinierten die Momentaufnahmen. Der Humor, den einige Künstler entwickelt haben, gefällt mir sehr. Wir leben mit der Pandemie – das heisst: das Leben geht weiter». Omlin ist sich bewusst, dass das Leben eben nicht für alle weitergegangen ist. Die Ausstellung erhebe keinen Anspruch auf Vollständigkeit: «Aus heutiger Sicht fehlen natürlich viele Aspekte der Pandemie. Alle Werke entstanden zu Beginn, als man nur erahnen konnte, welches Leid auf uns zukommen könnte».

Zeitgeschichte wird Kunst
Mit der Situation der Einzelhändler im Shutdown hat sich Gregor Vogel auseinandergesetzt. Er erbat sich von ihnen ein paar hundert Aushänge, die an Ladentüren die Kundschaft informierten. Aus ihrem Zusammenhang gerissen und in Vitrinen ausgestellt erzählen sie nun vom Humor der Verzweiflung, nach dem Motto «Cry now – Buy later». «Der Inhalt der Zettel veränderte sich über die Zeit», erzählt er. «Erst ging es nur darum zu sagen, dass geschlossen ist, dann wurden die Restriktionen erklärt. Mich interessiert, wer auf welche Art kommuniziert. Es gibt spassige, ernste, traurige und fatalistische Botschaften». Vogel gehe mit seiner Arbeit ganz nah ans Leben heran, lobt die Kuratorin. Richard Tisserand freut sich auch über den kreativen Akt der Zettelgestalter, der durch die Kunst noch einmal sichtbar wird.

Selbst kreativ werden können Ausstellungsbesucher in der «Guggenheim Box». Jonas Guggenheim, Andrea Kirchhofer und Thierry Kuster haben ein begehbares Gestell gebaut, in dem durchbrochene Lichtschranken Toneffekte auslösen. Audiovisuelle Impfung nennen sie die Prozedur. «Damit kann man spielen», so Omlin und beginnt ihren Tanz über Schwellen und durch Pfosten.

Videokunst im Tiefparterre
Im lichtdurchfluteten Kunstraum im Erdgeschoss befinden sich Malerei, Zeichnungen, Graphik, Installationen, Plastiken und ein Videoessay. Im dunklen Tiefparterre sind zwei weitere Videoarbeiten zu sehen. Beni Bischof hat 500 seiner Kurzanimationen zusammengeschnitten. Während des Lockdowns habe er jeden Tag circa zehn Clips auf Instagram gezeigt, schreibt er für den Katalog. «Es kamen immer mehr Themen hinzu, die begannen im Kontext von Corona Sinn zu machen». Bischof lässt emotional aufgeladenen Symbole mit dem profanen Alltag zusammenprallen, was witzige und absurde Wirkungen entfaltet. Aino Dudle findet im Video «Die Wehmut des Daseins» Bilder für ihr Heimweh, denn die Pandemie verwehrte der schweizerisch-finnischen Doppelbürgerin das Reisen zwischen ihren beiden Heimatorten.

Inka Grabowsky

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