/// Rubrik: Stadtleben | Topaktuell

Für Gleichberechtigung

Kreuzlingen – Aufgrund eines Ereignisses vor ein paar Wochen entschied sich Eva Büchi, eine LGBTIQ+ Gruppe im Thurgau auf die Beine zu stellen. Es sei Zeit, dass auch in ländlich geprägten Gegenden eine Toleranz und Akzeptanz für die Vielfalt in der Gesellschaft entstehe.

Die neu gegründete Gruppe Queer TG um Eva Büchi (vorne). (Bild: Sandro Zoller)

Kreuzlingen. «Der Thurgau ist zu wenig attraktiv, um als queerer Mensch hier zu bleiben. Man fühlt sich zu wenig akzeptiert», sagte die Initiantin von Queer TG, Eva Büchi, während ihrer Ansprache vergangenen Dienstag. Im Thurgau gäbe es nicht viele Anlaufstellen und Gruppen, die der LGBTIQ+ Community ein Gesicht geben. Dies möchte sie und ihre «Mitstreiterinnen und Mitstreiter» ändern. Die Forschung zeige, dass etwa zehn Prozent der Menschen sich nicht als cis-gender oder heterosexuell identifizieren. Auf den Thurgau bezogen wären das rund 28’000 Personen.

Jetzt ist mit Widerstand zu rechnen
Als Büchi durch die Thurgauer Zeitung vom Montag, 15. März, erfuhr, dass ein SVP-Vertreter eine differmierende Äusserung betreffend erleichterter Geschlechtsänderung über das Zivilstandsamt von sich gab, sei das Fass zum Überlaufen gekommen: «Die Aussage des Kantonsrates Hermann Lei, dass ein Mann dadurch einfach zur Frau werden könne, um den Militärdienst zu umgehen, machte mich wütend. Da war mir klar, dass etwas getan werden muss.» Sie sei froh, dass es auch Menschen gäbe, wie etwa die Kantonsrätin Nina Schläfli, die entgegentreten und Paroli böten.

Ihr sei bewusst, dass ihr Vorhaben, gerade im Thurgau, nicht ganz einfach sei. Deshalb sei sie umso glücklicher und stolz, dass Queer TG bereits nach wenigen Wochen um die 50 Personen zähle: «Die aktuelle Mobilisierung innerhalb der Community zur Abstimmung ‹Ehe für alle› führte dazu, dass auch unsere Gruppe schnell anwuchs.»

Ihr Ziel sei es, dass eine weitgefächerte und vollumfängliche Aufklärung ab der fünften Klasse beginne und die Pä-dagogische Hochschule Lehrpersonen in Ausbildung für queere Lebensrealitäten sensibilisiert. Um breit aufgestellt zu sein und diverse Bereiche abzudecken, sei auch eine Queer-Jugendgruppe angedacht. «Wir wollen zudem gegen sogenannte Queer-Heiler vorgehen. Im Thurgau haben Freikirchen grossen Einfluss. Da Konversionstherapien in Deutschland verboten wurden, pilgern sie nun in die Schweiz», erklärte Büchi. Die Praktiken seien für die Identitätsentwicklung junger Menschen gefährlich und können traumatisierende Folgen haben. Da der Bund von einem entsprechenden Verbot absehe, seien nun Vorstösse in den Kantonen geplant, ergänzte Adrian Knecht.

Handeln nicht im «Auftrag Gottes»
Die 36-jährige Rebekka Schmidhauser aus Bischofszell war sehr wütend, als das Referendum zur «Ehe für alle» zustande kam. «Ich war wütend, weil ich wegen meiner sexuellen Orientierung nicht die gleichen Rechte habe, aber auch, weil sehr viele Menschen ihre Unterschrift unter das Referendum setzten, die meinen, sie handeln im ‹Auftrag Gottes›.» In ihren Augen reduziere aber Gott sie nicht auf ihre Sexualität und liebe alle LGBTIQ+ Menschen.

Sie kämpfe dafür, dass Kinder mit zwei Müttern die selbe Absicherung erhalten, wie heterosexuelle Paare. «Wenn mir etwas zustossen würde, hätte meine Verlobte kein Anrecht mein Kind zu sich zu nehmen.» Ein Paradoxon sei, dass bei heterosexuellen Paaren nicht überprüft werde, ob der Mann auch wirklich der leibliche Vater sei. «Ich wünsche mir, dass unser Einsatz Vorurteile abbaut und anderen queeren Personen Mut gibt. Zudem wünsche ich mir, dass ich keine schrägen Blicke mehr ernte, wenn ich mit meiner Partnerin händchenhaltend durch den Park laufe.»

Pressekonferenz in der Aula der PH. (Bild: Sandro Zoller)

Ausgerechnet zurück in den Thurgau
Ja, es sei eher eine Ausnahme, dass ein Schwuler nach 14 Jahren in Zürich zurück an den Bodensee komme. «Der Thurgau leidet zwar an Vielfalt aber sonst ist es eben sehr schön hier», so der 36-jährige Romanshorner Marco Bertschinger. Er stellte ein paar rhetorische Fragen wie: Wurdest du schon Opfer von Hate-Crime? Hast du schon im Zug das Schimpfwort «Hey so schwul …» gehört und gedacht, ob denen nicht bewusst ist, dass ihr Kind einmal auch queer sein könnte? Veränderungen würden nur mit Aufklärung und einem offensiven Weg zustande kommen.

«Als ich mich mit 16 Jahren als bisexuell geoutet habe, hätte ich nie gedacht, dass ich irgendwann sogar einer Gruppe queerer Menschen angehöre», sagte Noelle Rousse aus Kreuzlingen. Als bisexuelle Frau fühle man sich oft nicht zugehörig. «Ich weiss nicht wie oft ich mich allein gefühlt habe.» Und dieses Alleinsein habe zu einem tiefen Selbsthass geführt, da sie sich einredete, bei ihr sei etwas grundsätzlich falsch.

Auch Ives Scherrer, 40 Jahre alt aus Sirnach, hofft auf positive Veränderungen: «Ein Wunsch von mir ist es, dass wir Trans-Menschen irgendwann von allen als das angesehen werden, was wir sind – ein ganz normales Phänomen der Natur.» Er erwarte auch, dass die Medien besser recherchierten und veraltete Begriffe aus ihrem Vokabular verschwinden liessen. Unreflektierte Formulierungen würden Vorurteilen nur noch mehr Nährboden geben.

Auf der Agenda von Queer TG stehe das Thema Schule weit oben, so Büchi, Lehrerin der Kantonsschule Kreuzlingen: «Ich möchte es nicht mehr sehen, dass betroffene Kinder weinend zu mir kommen.»

Share Button

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.