/// Rubrik: Region | Topaktuell

«Eine lebendige Gemeinde»

Tägerwilen – Überraschend gewählt wurde der SP-Kandidat Markus Thalmann im zweiten Wahlgang am 30. April 1995. Nun blickt er zurück auf 26 Jahre Tägerwiler Kommunalpolitik mit allen Höhen und Tiefen.

Markus Thalmann verabschiedet sich am 31. Juli aus seinem Amt. (Bild: Kurt Peter)

Markus Thalmann, blicken wir doch zunächst zurück auf Ihre Wahl 1995.
Thalmann: Als der damalige Gemeindeammann Paul Engeli in den Ruhestand ging, standen mit dem CVP-Mann Kurt Eberle und mit mir als SP-Kandidat zwei mögliche Nachfolger zur Wahl. Im ersten Wahlgang lag ich voraus, im zweiten Wahlgang am 30. April konnte ich dann, bei einer Rekord-Stimmbeteiligung von 66,26 Prozent bei nur einem Geschäft, den Wahlsieg mit 81 Stimmen Vorsprung feiern. Das war eine grosse Überraschung

Sie wurden in einer Zeit des Umbruchs und der vielen Projekte gewählt. Was fanden sie am ersten Tag in der Amtsstube vor?
Paul Engeli hatte ja viele Projekte bereits in Angriff genommen, sie waren auch gut aufgegleist. So etwa der Bau der MThB-Doppelspur zwischen Kreuzlingen und Kreuzlingen-Bernrain. In diesem Zusammenhang wurde auch der Bahnhof Tägerwilen Dorf neu gebaut und unter die Erde gelegt.

In Arbeit waren damals auch die Projekte Gemeinschaftszollanlage (GZA) und der Girsberg-Tunnel. Die GZA löste wegen ihrer geplanten Zahl an 90 LKW-Parkplätzen und dem damit verbundenen Flächenverbrauch grosse Diskussionen aus. Die Umweltverbände forderten eine deutliche Verkleinerung und sowohl die Städte Kreuzlingen und Konstanz wie auch wir Tägerwiler sowie die Kleingärtner im Gebiet waren der selben Meinung: Nur so gross bauen, wie nötig. Schliesslich haben sich die Zollverwaltungen und der Kanton 1995 auf 70 Stellplätze geeinigt. Übrigens durften wir im November 2002 den Girsbergtunnel mit einem grossen Volksfest, drei Wochen vor der offiziellen Eröffnung durch Bundesrat Moritz Leuenberger, feiern.

Die grenzüberschreitende Zusammenarbeit hat ohnehin eine grosse Bedeutung.
Richtig. Bereits 1989 wurde in Zusammenhang mit dem geplanten Bau der GZA die Grenzlandkonferenz ins Leben gerufen. Seither treffen sich mindestens einmal jährlich die Vertreter von Konstanz, Kreuzlingen und Tägerwilen. Die zu besprechenden Themen sind vielfältig und reichen vom grenzüberschreitenden Individualverkehr, Planungen auf Klein Venedig bis hin zu Zollschliessungen oder Gestaltung der Zollanlagen, auch das Agglomerationsprgramm Kreuzlingen-Konstanz gehört natürlich dazu und im vergangenen Jahr die Pandemie.

Und wohl auch das Tägermoos?
Das Thema hat aktuell keine Priorität, weil es zwischen Konstanz und Tägerwilen gut funktioniert und die Kontakte sehr gut sind. Aber im Zuge der Planungen der Autobahn und der GZA in den 1990er Jahren wollte der Kanton das Tägermoos-Statut anpassen und eine Gemeindegrenze zwischen Tägerwilen und Kreuzlingen festlegen. Ein Entwurf zur Grenzziehung lag vor. Das Vorhaben scheiterte schliesslich wegen der Konstanzer Bedenken. Nicht nur aus steuerlichen Gründen, es gab auch Kritik an möglichen Überbauungen im Gebiet. Was aber so oder so nicht möglich wäre. Ausserdem gehört der Grossteil des Landes ja der Stadt Konstanz.

Markus Thalmann im Jahr 1995, bei der Wahl zum damaligen Gemeindeammann. (Bild: zvg)

Welche Projekte konnten in Ihrer Amstzeit umgesetzt werden?
Bereits erwähnt habe ich ja die Autobahn A7 mit Girsbergtunnel und GZA. Ein grosser Wurf war sicherlich das Sekundarschulhaus mit der Dreifachturnhalle. Wegen der Doppelspur musste auch der Sportplatz neu gebaut werden. 2008 wurden die Sanierungsarbeiten an der Ruine Castell abgeschlossen, seither feiern wir, wenn immer möglich, das Ruinenfest. Dieses Jahr übrigens wieder. Und schliesslich konnten wir die neue Badi am Seerhein in Betrieb nehmen. Was natürlich auch sehr wichtig ist, sind die Ortsplanung und die Gemeindeordnung, die als grosse Neuerung eine Urnenabstimmung bei Kreditbegehren ab zwei Millionen Franken vorsieht.

Tägerwilen wächst und wächst …
Und wird in den kommenden zehn Jahren weiter wachsen. 1995 hatte das Dorf 3085 Einwohner, aktuell sind es 4950. Seit 1980 wächst die Gemeinde, im Schnitt um jährlich 60 Peronen. Es gab auch Ausreisser nach oben: 2013 wurden 200 Einwohner mehr registriert, ein Plus von 4,8 Prozent. Derzeit sind 250 Wohnungen im Bau oder geplant. Es liegt übrigens auch im Interesse des Kantons, dass das urbane Gebiet rund um Kreuzlingen wächst.

Woran liegt es, dass Tägerwilen so beliebt ist?
Da spielen viele Faktoren eine Rolle. Ganz bestimmt kann Tägerwilen mit dem hervorragend ausgebauten öffenltichen Verkehr punkten. Dazu kommt der Autobahnanschluss nach Zürich und den Flughafen Kloten. Die Gemeinde bietet zudem ausgezeichnete Schulen und familienergänzende Angebote. Einen guten Ruf hat auch das rege Vereinsleben. Dann kommt die Nähe zum See und zum Wald dazu, das sind Naherholungsgebiete von unschätzbarem Wert. Natürlich spielt die Nähe zu Konstanz eine Rolle, neben der prächtigen Altstadt gibt es auch eine Universität. Und die Nachbarschaft zu Kreuzlingen garantiert mit Kantonsschule, Pädagogischer Maturitätsschule und der Pädagogischen Hochschule ausgezeichnete Bildungsmöglichkeiten. Dazu kommt das Angebot an Ausflugsmöglichkeiten in der Nähe und nicht zu vergesen die kulturellen Möglichkeiten. Die Region verfügt über ein Angebot, das sonst im Kanton sicher nicht zu finden ist. Aber auch im Sportbereich können wir einiges bieten. Schwimmen, Fussball, Tennis, Eishockey, Unihockey, Leichtathletik, um nur einige Sportarten zu nennen. Zudem verfügt Tägerwilen über viele attraktive Arbeitsplätze, immerhin pendeln 900 Grenzgänger ins Dorf. Tägerwilen ist zudem eine offene Gemeinde, nicht zuletzt dankt der Neuzuzüger, die sich in Institutionen, Organisatuionen und Vereinen engagieren. Ich selbst bin 1984 hierhergekommen und konnte mich gleich einbringen.

Das Wachstum hat aber auch Kritik hervorgerufen.
Ja, vielen Menschen hier ist die rasante Entwicklung ein Dorn im Auge. Man darf aber nicht vergessen, dass die Grundlage zum Wachstum mit dem Zonenplan von 1985 geschaffen wurde. Damals wurden die verschiedenen Bauzonen definiert und vom Kanton bewilligt. Es wurde über Jahre einfach nichts gebaut, obwohl es möglich gewesen wäre. Im neuen Zonenplan wurden fast keine Baugebiete mehr eingezont. Dazu kommt, dass die Gemeinde Verdichtungspotenzial hat. Das Bild der Hauptstrasse hat sich stark verändert, es wird sich weiter verändern und die Zentrumsplanung bleibt eine wichtige Aufgabe des Gemeinderates. In den vergangenen Jahren hat sich der Einfluss des Bundes und des Kantons besonders in der Raumplanung erhöht. Das geht auf die Volksabstimmungen in diesem Bereich zurück. Sparsamer Umgang mit dem Boden, innere Verdichtung, Förderung der Biodiversität, Förderung der erneuerbaren Energien, Hochwasserschutz, die Liste ist lang. Einzonungen bedürfen heute einer guten Begründung, wie wir sie im Fall der möglichen Mehrzweckhalle hatten.

Hoher Besuch an der Wahlfeier. Der Thurgauer Ständerat Thomas Onken freute sich mit der SP. (Bild: zvg)

Welche Aufgaben warten nun auf den neuen Gemeinderat?
Sicher muss das Reglement Grüngutkompostierung im Zusammenhang mit der Biogasanlage angepasst werden. Auch das Landkreditkonto muss überarbeitet werden. Die Tägerwiler Post bekommt ein Reglement, die Vernehmlassung ist durch und im Dezember wird die Gemeindeversammlung darüber befinden. Ein weiteres Thema ist die Hertler-Halle. Immerhin sind Werkhof und Feuerwehr hier untergebracht. Schneelast verursachte im vergangenen Winter einen Schaden am Dach und die Infrastruktur ist völlig veraltet. Ein in Auftrag gegebener Bericht wird Grundlage weiterer Entscheidungen sein.

Die Teilumzonung für die Realisierung einer Mehrzweckhalle wurde an der Gemeindeversammlung genehmigt. Wie geht es nun weiter?
Der neue Gemeinderat wird sich zunächst um die Vorarbeiten kümmern müssen. Der Grundstein ist mit der Umzonung zwar gelegt, aber viele Fragen sind offen und das war auch die Absicht. Beim Raumprogramm muss der Gemeinderat die Bevölkerung ins Boot holen um die Bedürfnisse detailliert abzuklären. Zudem muss eine Baukommission gegründet werden. Die nächsten zwei bis drei Jahre werden die Vorbereitungen bis zu den weiteren Schritten wohl in Anspruch nehmen.

Wirds nicht langweilig nach der Pensionierung?
Auf gar keinen Fall. Ich bleibe unter anderem Präsident des Stiftungsrates Seemuseum, Präsident Verein Solar Tägerwilen, Präsident des Vereins Freunde der Ruine Castell, übernehme im August das Präsidium des Vereins Napoleonturm, bleibe Kassier im Verein Konzerte Tägerwilen und werde im Organisationskomitee Märliumzug für die Festwirtschaft und das Personal weiterhin verantwortlich sein. Daneben plane ich Cellounterricht, Chorgesang und natürlich will ich Reisen und habe mehr Zeit für die Familie.

 

Share Button

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.