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40 Jahre Flüchtlingshilfe

Kreuzlingen – Der Verein AGATHU hat ein Buch zur Hilfe für Migranten seit den achtziger Jahren herausgebracht.

Uwe Moor (links) und Andreas Thürer haben in ehrenamtlicher Arbeit Geschichte geschrieben. (Bild: Inka Grabowsky)

Eigentlich hatten sich Uwe Moor und Andreas Thürer drei Monate Zeit genommen, um die jüngste Flüchtlingsgeschichte in Kreuzlingen aufzuarbeiten. Die beiden Historiker wollten ehrenamtlich zum 25-Jahr-Jubiläum der Vereins AGATHU (Arbeitsgruppe für Asylsuchende Thurgau) eine Broschüre vorlegen, die allen freiwilligen Helfern beim Fest als Dankeschön überreicht werden sollte. Doch durch die Pandemie wurde zunächst die Jubiläumsfeier um ein Jahr verschoben, und nach 18 Monaten Arbeit ist aus der kleinen Broschüre ist ein 170-seitiges Buch in DinA4 Format geworden. Es ist eben in Sachen Migration seit den achtziger Jahren viel passiert.

«Hier in Kreuzlingen kreuzen sich durch das 1988 eröffnete Empfangszentrum lokale, nationale und internationale Politik», sagt der 73-jährige Thürer. 1989 gab es die erste von drei Flüchtlingswellen, die die Kapazitäten des Zentrums sprengten. «Es bestand damals aus einer hölzernen Baracke im Grenzgebiet, die mit Stacheldraht abgesperrt war», erinnert sich der 74-jährige Uwe Moor. Abgemildert wurde die Situation damals zunächst nur durch private Helfer. «Von staatlicher Seite wurde das als störende Einmischung wahrgenommen». 1992 verschärfte sich die Situation erneut, weil Migranten ohne Ausweise nicht mehr in der Empfangsstelle aufgenommen werden durften. Diese Menschen sassen auf der Strasse. Erneut musste die Zivilgesellschaft einspringen. Die ersten Helfer formierten sich ’93 zur Gruppe «Fremde und Wir». 1995 wurde zusätzlich AGATHU gegründet. Seit 2014 agieren sie unter einem Dach.

Klimawandel
Nach den harzigen Anfängen, in denen die Stadt eine harte Linie gegenüber den Migranten vertreten habe, würden die Anliegen von AGATHU seit 2010 ernst genommen, konstatieren die Historiker. Die staatlichen Stellen und die freiwilligen Helfer arbeiten nun gut zusammen. Derzeit findet sogar der offizielle Schulunterricht für die Kinder der Geflüchteten im AGATHU-Café statt. «Wir haben die Räume, die im Zentrum derzeit fehlen», sagt Karl Kohli, der langjährige Präsident des Vereins. Er bewundere die Arbeit der Menschen im Bundesasylzentrum. «Wir akzeptieren jeweils unsere Rollen», so der Präsident. Öffentlich sichtbare Anerkennung gab es spätestens bei der Verleihung des Prix Kreuzlingen im Jahr 2014.

Umfangreiche Recherche
Moor und Thürer hatten sich vorgenommen, diese Entwicklung hin zur Akzeptanz der humanitären Hilfe nachzuzeichnen. Das lief nicht immer reibungslos ab. «Wir mussten uns zunächst über den roten Faden einig werden», erzählt Moor. «Und jeder von uns hatte Themen, auf die er nicht verzichten wollte». Beide sind ehemalige Geschichtslehrer. Der eine allerdings ist Neuhistoriker und der andere Spezialist für das Mittelalter. «Das gab beim Schreiben schon Anlass für Diskussionen», sagt Uwe Moor mit einem Lachen. «Ein Neuhistoriker komprimiert aus der Fülle der Quellen. Ein Mediävist hat meist eine dünne Quellenlage und muss daraus viele Schlüsse ziehen». Und noch etwas unterscheidet die beiden Freunde. Uwe Moor war schon früh engagiert bei «Fremde und wir». «Alle Materialen konnte ich also mit eigenen Erlebnissen abgleichen. Aber mitunter haben wir Sachen entdeckt, die schon in Vergessenheit geraten waren».

Einig waren sich die beiden Autoren, dass die mündliche Überlieferung einen grossen Wert hat. Sie führten Interviews mit Zeitzeugen. «Die Kunst ist die Verschmelzung von den persönlichen Erfahrungen, die natürlich viele Wertungen enthalten, mit Berichten in der lokalen Presse und Material aus dem AGATHU-Archiv», sagt Andreas Thürer. «Man braucht schon eine Spürnase, um in Harassen voller Dokumente Belege für Thesen zu finden».

Das Buch ist über das Kontaktformular auf der Website Agathu.ch zu bestellen. Es wird gegen eine Spende abgegeben. Abholen kann man es Montag bis Freitag zwischen 14 und 16.30 Uhr im Café in der Freiestrasse.

Inka Grabowsky

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