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Abschied für Josef Maier

Tägerwilen – Nach über 35 Jahren geht der ehemalige Leiter der Raiffeisenbank Tägerwilen in Pension.

Josef Maier. (Bild: Inka Grabowsky)

Am 15. Januar 1987 übernahm er den Posten des Leiters der «Raiffeisenkasse Tägerwilen». Josef Maier war damals gerade 28 Jahre alt. «Es gab keine Übergabe, aber so viel Arbeit, dass ich kaum zum Nachdenken kam», erzählt er. «Ein bis zwei Monate später sah die Welt dann anders aus.» Inzwischen kann er auf eine erfolgreiche Zeit zurückblicken. Die Bilanzsumme der Bank ist von rund 20 Millionen auf 2,5 Milliarden gestiegen. Es sind neue Filialen entstanden, die Raiffeisenbank ist vom ländlichen Raum auch in die Stadt Kreuzlingen gewandert. «Es brauchte dafür Glück», räumt der neue Pensionär ein. «Aber die äusseren Umstände wie der Bauboom galten ja auch für unsere Mitbewerber. Man muss aus den Gelegenheiten etwas machen.» Mund-zu-Mund Propaganda habe viel zum Erfolg beigetragen.

Als Maier begann, profitierte die Raiffeisen seiner Meinung nach auch vom Abgang eines sehr renommierten Bankleiters der Konkurrentin TKB. Um einen solchen Effekt jetzt für seine Bank zu vermeiden, sei er nach seinem Rücktritt 2018 noch drei Jahre als Kundenberater geblieben, um die Übergabe begleiten zu können. «Ich war damals 60 Jahre alt und fühlte mich nach Problemen mit der Gesundheit etwas verbraucht. Die Zeit war reif, und ich habe es nie bereut.»

Nicht nur gute Entwicklungen
Nun also folgt der endgültige Abschied aus dem Bankgeschäft. Grosse Geschenke erwartet er nicht. Der Weg hinter dem Raiffeisen-Gebäude in Tägerwilen ist schon seit 2007 nach ihm benannt. «Mein Motto war ohnehin immer, bescheiden mit beiden Beinen auf dem Boden zu bleiben. Dann fällt man nicht so tief.» Der Bankier erinnert sich dabei an den Ex-CEO Pierin Vincenz. «Er war schon ein Kollege, dessen Fall wehtat.» Das Bankgeschäft habe sich in den vergangenen 35 Jahren sehr verändert, bilanziert er. «Nur schon durch die technische Entwicklung: Anfangs hatten wir gerade mal eine Schreibmaschine. An PCs war nicht zu denken. Dafür waren auch alle bescheidener.» Erst nach 1995 seien die Bezüge leitender Angestellter förmlich explodiert. «Nicht jeder CEO verdient das, was er verdient», meint Maier. «Das war hier bei uns als Genossenschaftsbank anders. Ich musste und konnte mich immer vor die Versammlung stellen und sagen, was ich bekomme, ohne rot zu werden.»

Viele Erlebnisse haben sich ihm eingeprägt: «Ich war gerade zwei Jahre hier, da bekam eine Kundin aus Gottlieben, die ihr Haus verkauft hatte, 200’000 Franken auf ihr Konto überwiesen. Und dann bat sie, sich das Geld einmal ansehen zu dürfen. Sie hatte noch nie so viel gehabt. Das Leuchten in ihren Augen werde ich nie vergessen.» Nicht immer konnte der Bankleiter glückliche Menschen begleiten. Auch er habe Häuser versteigern lassen müssen, weil Kredite nicht bedient wurden. «Es gab einen Fall, bei dem kurz vor Vollendung eines Hausbaus einer der Partner starb. Das war tragisch. Wir mussten den Hinterbliebenen mit allem helfen.» Unvergessen ist sein Ritt auf dem Elefanten zur Generalversammlung 2011. «Franco Knie hatte mir gesagt, er könne für einen speziellen Auftritt sorgen, aber ich dürfe keine Angst haben. Mulmig war mir trotzdem.» Angst hatte Maier auch nicht bei einem Banküberfall 1997. Stattdessen spricht er von Glück im Unglück. «Gerade in der Vorwoche hatte ich die Mitarbeitenden geschult: Geld rausgeben, nichts riskieren.» Maier selbst sah die Täter flüchten. Sie wurden mit ihrer Beute von 600’000 Franken nie geschnappt.

In Maiers Augen sind Banken Dienstleister. «Das heisst: sie dienen den Kunden –selbst wenn sie dabei Geld verdienen.» Es sei seine Gabe gewesen zu spüren, was die Kunden und die Mitarbeitenden bewege. «Man muss Menschen mögen», sagt er. Die heutigen Bankleiter seien Manager, die weniger Zeit für Gespräche hätten. Der scheidende Bankier, der sich selbst immer als Unternehmer bezeichnete, fürchtet, dass sich auch die Raiffeisen in Richtung Grossbank entwickele. Dort herrsche eine andere Mentalität. «Doch 2008 sind wir nur deshalb so gut durch die Finanzkrise gekommen, weil die Menschen uns vertraut haben. Wir sollten uns auf die Gründungsideale von Friedrich Wilhelm Raiffeisen besinnen. Das ist meine Mahnung an meine Nachfolger.»  

Inka Grabowsky

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